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LIEDER AUS DEM ELFENBEINTURM
Ein Interview mit SAGITTARIUS

August 2008



Sagittarius ist ein Bandprojekt, das sich in seiner musikalischen Form nahezu allen gängigen Kategorien zu entziehen weiss. Melancholisch getragene, auf Klavierklängen beruhende Arrangements, die zur Untermalung der vertonten Gedichte dienen und sich der kulturellen und lyrischen Wurzeln deutscher Dichter wie Stefan George oder Gottfried Benn bedienen, wobei sich die Schwermut der Verse auf die Melodien und die Akkorde niederschlägt. Die Wurzeln Sagittarius' reichen zurück bis in das Jahr 1998 und erste limitierte Veröffentlichungen, bis im Jahr 2003 mit "Die grosse Marina" das erste offizielle Album erschien, das den musikalischen Grundstein für "Songs From The Ivory Tower" legte. Es folgten eine Reihe von streng limitierten Veröffentlichungen für einen kleinen Kreis von auserwählten Konzertbesuchern und Verehrern Sagittarius', wobei nicht verschwiegen werden darf, dass Cornelius Waldner in seiner künstlerischen Freiheit und der Möglichkeiten von Live-Auftritten immer wieder beschnitten wurde, zuletzt im Frühjahr diesen Jahres, als Sagittarius in der Leipziger "Sixtine" zusammen mit Seelenlicht auftreten sollten und dieser Auftritt kurzfristig unter nach wie vor recht kuriosen Begleiterscheinungen abgesagt wurde. Warum Sagittarius immer wieder mit Auftrittsverboten bzw. kurzfristigen Absagen zu kämpfen haben ist nicht nachvollziehbar und alleine die Tatsache, dass Cornelius Waldner Mitglied einer Burschenschaft ist, kann kaum ein gerechtfertigter Grund sein, diese vollkommen unpolitische Form der künstlerischen Auseinandersetzung in dieser Vehemenz zu beschneiden. Wer weiss, wie viele unserer in Berlin frei gewählten Volksvertreter Mitglied einer schlagenden Verbindung sind und nicht mit solch einem blinden Verfolgungswahn gegängelt werden? Wieder einmal wird im Falle Sagittarius deutlich, dass der politisch motivierte und missionarische Eifer der Antifa weit über das Ziel hinaus schiesst und einem Projekt, dass sich der deutschen Kultur und seiner Dichter – nicht seiner Kriegsherren – verpflichtet fühlt, die Anerkennung verwehrt wird. Für mich ist "Songs From The Ivory Tower" ein wundervolles Album, das in Zusammenarbeit mit einer Reihe von grossartigen Gastmusikern entstand, unter ihnen Herr Twiggs (Kammer Sieben), Damiano Mercuri (Rose Rovine E Amanti), Marcel P. und Dimo Dimov (Svarrogh). Doch lassen wir Cornelius Waldner nach so vielen einleitenden Worten lieber selbst zu Wort kommen.


OB: Obliveon
CW: Cornelius Waldner


OB: Fünf Jahre hast du für die Fertigstellung für "Songs From The Ivory Tower" benötigt. Warum hat es a.) so lange gedauert das Album zu vollenden und b.) läuft man über solch einen langen Zeitraum nicht irgendwann auch Gefahr das Ziel aus den Augen zu verlieren?

CW: Ich sehe "Songs From The Ivory Tower" als musikalischen Ausdruck eines langen persönlichen Entwicklungs- und Reifeprozesses an, dessen Beginn mit dem Ende der Kompositionsarbeiten am Vorgänger "Die Große Marina" im Frühjahr 2002 angesetzt werden kann, und symbolisch mit dem Abschluss der Aufnahmen im Herbst 2007 endete. Der lange Entstehungsprozess erklärt sich zum einen aus biographischen Episoden meines Lebens, die im Rahmen dieses Interviews aber keine Rolle spielen sollen, zum anderen liegt die Ursache aber auch in diversen besetzungstechnischen Schwierigkeiten und organisatorischen Problemen, mit denen ich im Laufe des Jahres 2007 zu kämpfen hatte. Das "Ziel" habe ich niemals aus den Augen verloren, nur war die genaue Form, die "Songs From The Ivory Tower" letztlich einnehmen sollte, über lange Zeit unklar.

OB: Was verbindest Du inhaltlich mit dem Titel des Albums? Langläufig verbindet man mit jemandem, der in Elfenbeinturm sitzt, doch einen etwas weltfremden und entrückten Menschen, dem ein wenig der Bezug zur Realität fehlt. Bist Du derjenige, der da im Turm sitzt und seine Lieder schreibt?

CW: Du hast mit Sicherheit nicht unrecht - der Titel bringt in der Tat die geistige Grundhaltung zum Ausdruck, in der ich das Album komponierte und zusammenstellte, und spiegelt, um ein wenig in Ernst Jünger'schen Jargon zu verfallen, meine Tendenz zu Waldgängertum und Innerer Emigration wider.

OB: Du vertonst fast ausschließlich Fremdtexte, meist Gedichte, für "Songs From The Ivory Tower" von Uhland, Benn, George, Kölling und Uxkull-Gyllenband. Wie und nach welchen Kriterien wählst Du die zu vertonenden Texte aus? Wo siehst Du Deine lyrischen Wurzeln?

CW: Die Kriterien sind eigentlich relativ einfach – die Gedichte müssen mich inhaltlich ansprechen und inspirieren, und rein formal für eine Vertonung durch mich geeignet sein. Ein Teil meiner lyrischen Wurzeln erschließt sich dem geneigten Hörer aus der Beschäftigung mit "Songs From The Ivory Tower", auch wenn die CD natürlich nicht das gesamte Spektrum meiner Interessen abdeckt. Exemplarisch ist vor allem die Dichtung Stefan Georges und seines Kreises (im Besonderen Ernst Morwitz und Bernhard von Uxkull-Gyllenband) zu nennen, darüber hinaus aber sicherlich auch die klassischen Epen des Trojanischen Sagenkreises, das altindische Mahabharata, Dante Alighieri, Friedrich Hölderlin, Count Eric Stenbock und der finnische Dichter Uuno Kailas. Diese Auflistung könnte sich noch um ein vielfaches verlängern lassen – ich verfüge über eine umfangreiche Bibliothek und ein breites literarisches und historisches Interesse.

OB: Neben den bereits erwähnten Texten gibt es, neben einigen Instrumentalstücken, auch eine Coverversion von Forthcoming Fire's "Europa Calling" und Uhland's "Guter Kamerad". Warum hast Du Dich für diesen beiden Stücke entschieden?

CW: Anlässlich des Von Thronstahl-Auftrittes in London im November 2005, in dessen Rahmen ich eingeladen war, als Gastmusiker bei einigen Stücken mitzuwirken, hatte ich eine Klavierbegleitung zu "Europa Calling", einem Stück, das ich schon in der ursprünglichen Forthcoming Fire - Fassung sehr schätzte, arrangiert, die sich aber leider aufgrund des Fehlens eines geeigneten Instruments live nicht umsetzen ließ, so dass ich hier spontan auf die Flöte umsteigen musste. Als ich einige Zeit später das sich angestaute Konvolut an möglichem Material für "Songs From The Ivory Tower" sichtete, kam mir der Einfall, dieses Arrangement zu nutzen, da es zum einen musikalisch ins Konzept passte, und mir zum anderen die Botschaft des Stückes durchaus zusagt. Da ich meinen geschätzten Freund Damiano Mercuri (Rose Rovine e Amanti) dazu bewegen konnte, bei diesem Stück die Gitarre einzuspielen und zu singen, bekam die Verwendung des Stückes angesichts der Tatsache, dass auch er beim erwähnten Konzert zur Von Thronstahl - Besetzung gehörte, eine persönliche Note.

Was den "Guten Kameraden" betrifft, so habe ich mich seit vielen Jahren mit dem traditionellen deutschen, vor allem dem studentischen Liedgut auseinandergesetzt und wollte diesen Aspekt auf irgendeine Art und Weise in "Songs From The Ivory Tower" einfließen lassen. Die Verwendung eines Trinkliedes im Stile des "Schwarzen Walfisches zu Askalon" erschien mir allerdings unpassend, und eines Tages schenkte mir Marcel P. ein altes Notenbuch mit klassischem Liedgut aus dem Nachlass seiner Großeltern. Es enthielt ein wunderschönes Klavierarrangement des "Guten Kameraden", das stilistisch hervorragend zum Rest des Albums passte, so dass die Wahl schnell gefällt war. Darüber hinaus hat die Verwendung des Stückes auch einen persönlichen Hintergrund. Es ist ein stiller Abschied von einer geschätzten Person, die vor einiger Zeit gestorben ist, und die mein Klavierspiel immer sehr geschätzt hat. Weiter möchte ich mich über diese Angelegenheit im Rahmen dieses Interviews nicht äußern.

OB: Was verbindet Dich generell mit Forthcoming Fire, Von Thronstahl und vor allem Josef Klumb?

CW: Ich schätze Josef Klumb und Raymond P. seit einigen Jahren, um genauer zu sein, seitdem wir uns im Rahmen des gemeinsamen Konzerts auf der Wasserburg Lüttinghof im Jahre 2003, auf das ich im späteren Verlauf des Interviews noch näher eingehen werde, kennen lernten, zum einen auf einer persönlichen Ebene als äußerst geistreiche, angenehme, ehrliche und sympathische Menschen, und darüber hinaus auf kultureller und musikalischer Ebene als große künstlerische Kräfte, deren Schaffen ich respektiere und bewundere.

OB: Du hast, wie bereits erwähnt, eine Reihe von Gedichten von Timo Kölling vertont. Wie nah steht Dir Timo Kölling?

CW: Timo Kölling trat irgendwann im Winter oder Frühjahr 2002 – kurz nach Beendigung der Kompositionsarbeiten an der von ihm veröffentlichten LP "Die Große Marina" – an mich heran, stellte mir einen von ihm verfassten Gedichtzyklus vor, der "Das Herbstlied" betitelt war und später in seinen "Begegnungen in Weiß" Einzug finden sollte, und schlug mir vor, diese Gedichte zu vertonen. Im Laufe der Zeit stellte sich allerdings heraus, dass ein großer Teil der Gedichte aus rein formalen Gründen nicht für eine Vertonung – zumindest nicht durch mich – geeignet war, so dass ich mich schließlich auf vier Gedichte beschränkte.

OB: "Songs From The Ivory Tower" wird musikalisch geprägt durch eine Vielzahl an Gastmusikern. Wie wichtig sind diese Kollaborationen für Sagittarius, wie groß war der Einfluss der Gastmusiker auf das Album und das Songwriting und was nimmst Du für Dich aus diesen Kollaborationen mit? Wie und nach welchen Kriterien hast Du die Gastmusiker ausgewählt?

CW: Die Zusammenarbeit mit anderen Musikern ist für mich aus verschiedenen Gründen wichtig. Zum einen bereichern sie das von mir geschaffene musikalische Grundgerüst durch ihre eigenen Stile und Erfahrungen, zum anderen gleichen sie bei mir vorhandene Defizite aus. Weder bin ich ein großer Gitarrist, noch ein sonderlich talentierter Sänger, von daher war die Zusammenarbeit mit Philipp, Marcel, Damiano, Troy und Twiggs von großer Wichtigkeit für die Fertigstellung des Albums, auch angesichts der Tatsache, dass zeitgleich der Versuch, mit einer musikalischen Stammbesetzung zusammenzuarbeiten, aus verschiedenen Gründen gescheitert war. Generell bin ich der Ansicht, dass musikalische Kollaborationen den musikalischen Horizont aller beteiligten Künstler bereichern und daher alle Seiten von diesem Projekt profitiert haben. Darüber hinaus verbindet mich mit vielen von ihnen eine tiefe Freundschaft, die teilweise schon seit vielen Jahren besteht.

OB: Du lebst, soviel ich weiß, in Ostwestfalen, einer landschaftlich sehr schönen und historisch sehr interessanten Gegend Deutschlands. In den verwendeten Texten findet sich darüber hinaus häufig auch ein sehr starker Bezug zur Natur. Wie wichtig ist dieser Bezug für Dich und Deine Arbeit?

CW: Ostwestfalen ist – neben dem mittelfinnischen Raum – meine Heimat, diese Gegend hat mich durch ihre Kultur und Eigenarten in meiner Entwicklung mitgeprägt, und bietet viele Orte, in denen ich mich in Zeiten der Wirren zurückziehen und neue Kraft gewinnen kann. Allerdings ist mir die von anderen Künstlern so oft propagierte "Naturmystik", Natur um der Natur willen, relativ fern und spielt eine nur sehr geringe Rolle in meinem künstlerischen Denken und Schaffen.

OB: Auf Deiner Myspace-Seite gibt es Exklusivtrack und einen Tribut an Jon Nödtveit (Dissection), der vor einigen Jahren nach seiner Haftentlassung Selbstmord verübt hat. Warum dieser Tribut?

CW: Ich halte Jon Nödtveidt auf künstlerischer Ebene für einen der begabtesten musikalischen Köpfe, die die Black- bzw. Death Metal - Szene hervorgebracht hat, und "Storm Of The Light's Bane" gehört aufgrund seiner kraftvollen und dunklen Intensität zu den Alben, die mich als Musiker am meisten geprägt haben. Sein Suizid war das Resultat einer bis ins äußerste durchexerzierten konsequenten Lebenshaltung, und dieser finale Schritt erinnerte mich (trotz fundamentaler Unterschiede in den geistigen Wurzeln) stark an die Freitode zweier Philosophen, deren Werke ich sehr schätze – Otto Weininger und vor allem Carlo Michelstaedter.

OB: Würdest Du Sagittarius durch die Hinzunahme von Marcel P. und Dimo Dimov nun als Band im eigentlichen Sinne betrachten?

CW: Der Name Sagittarius ist nichts anderes als ein begriffliches Symbol für die musikalische und künstlerische Expression meines Denkens, Fühlens und Handelns, und ich bin ich mir nicht sicher, ob der Begriff "Band" zutreffend und angemessen ist. Lass es mich so ausdrücken - Dimo und Marcel sind feste Bestandteile im Prozess der Verwirklichung meiner Ideen, sie sind äußerst kreative und talentierte Musiker und Freunde, die das, was ich durch Sagittarius ausdrücken möchte, verstehen, nachvollziehen und auch mitgestalten können, und ich bin beiden für ihre Hilfe und Unterstützung zutiefst dankbar. Vor allem Marcels Rolle im Zuge des Entstehens von "Songs From The Ivory Tower" sollte nicht unterschätzt werden, aber auch Dimo wird – davon bin ich überzeugt – eine große Rolle in der zukünftigen Entwicklung von Sagittarius haben.

OB: Neben Sagittarius warst Du lange auch mit der Black Metal-Band Hailstorm aktiv und hast posthum 2006 auch mit Hailstorm bereits ein Album veröffentlicht. Warum hast Du Hailstorm 2000 wieder aufgelöst und wo liegen Deine eigentlichen musikalischen Wurzeln, differieren Hailstorm und Sagittarius musikalisch doch sehr voneinander?

CW: Hailstorm war ein atmosphärisches Black Metal-Projekt, das ich im Jahre 1995 begründet hatte, und das in seiner aktiven Zeit zwei Demo-Tapes veröffentlichte, darüber hinaus spielten wir einige Konzerte, u.a. gemeinsam mit Secrets Of The Moon und Warloghe. Nach den Aufnahmen des von Dir angedeuteten Mini-Albums "Death. Defiance. Decadence." sah ich sowohl mich, als auch das Projekt in einer Sackgasse angekommen, sowohl auf einer musikalischen, als auch geistigen Ebene. Zum einen erschien es mir zum damaligen Zeitpunkt nicht möglich, Material zu komponieren, welche die bereits entstandenen Stücke qualitativ übersteigen könnten, zum anderen war ich von der in der "Szene" vorherrschenden "Booze & Bullet Belt"-Mentalität, und ihrer Unfähigkeit zu jeglicher geistiger Entwicklung, angewidert. Die Entscheidung, Hailstorm aufzulösen und mich auf Sagittarius zu konzentrieren, war für mich die einzig mögliche (und im Nachhinein auch richtige) Entscheidung. Dennoch kann ich eine neue Hailstorm - Veröffentlichung in naher oder ferner Zukunft nicht ausschließen – zumindest arbeite ich gemeinsam mit dem damaligen Bassisten D.B. gelegentlich an Ausarbeitungen alten und neuen Materials, das sich in der seit dem Jahre 2000 vergangenen Zeit in den Hinterköpfen angestaut hat. Dies erfolgt jedoch ohne irgendeinen Zeitdruck oder jegliche Form von Erwartungshaltung, egal ob von innen oder außen.

OB: Was verbindest Du mit dem originären Geist des Black Metal und wie siehst Du die Black Metal-Szene heutzutage?

CW: Um ehrlich zu sein, habe ich mich in der Vergangenheit zu oft über dieses Thema aufgeregt und ausgelassen und beschränke mich darauf, meine Haltung mit einem Zitat aus Julius Evolas "Cavalcare la Tigre" zum Ausdruck zu bringen: "Es handelt sich um einen […] Aufstand des Nichts und des Abschaums, um Wespen die man in ein Glas einsperrte, diese dann überschnappten und verzweifelt gegen die Wand anstürmen."

OB: Hast Du einmal darüber nachgedacht, die extrem limitierten und frühen Veröffentlichungen Sagittarius noch einmal neu aufzulegen und zu veröffentlichen? Warum überhaupt diese strengen Limitierungen auf einige wenige Exemplare?

CW: Ich denke nicht, dass eine Neuauflage der alten Sagittarius - Veröffentlichungen erfolgen wird – zumindest gibt es zum jetzigen Zeitpunkt keinen vernünftigen Grund dafür, und jegliche Form von Sentimentalität und Nostalgie halte ich in diesem Zusammenhang schlichtweg für überflüssig. Des Weiteren waren einige der Veröffentlichungen (vor allem Fragmente I und II, sowie "Dreams And Dust") für einen begrenzten und geschlossenen Hörerkreis bestimmt. Von diesen Tatsachen einmal abgesehen - was die beiden alten Demo-Kassetten betrifft, so ist bei ihnen die mangelnde Klangqualität ein weiteres Argument, das gegen eine Wiederveröffentlichung spricht, und das auf "Fragmente II" verwendete Material ist (bis auf das Death in June – Cover) in stark verbesserter Form auf "Songs From The Ivory Tower" zu finden. Auch eine Neuauflage der "Großen Marina" ist nicht wirklich notwendig, denn schließlich habe ich das Album zum freien Herunterladen zur Verfügung gestellt, inkl. Beiheft zum Ausdrucken.

OB: In der Vita von Sagittarius gibt es auch einen Hinweis auf die musikalische Untermalung eines Filmes, "Gelegenheit Leben". Kannst Du etwas über diesen Film erzählen und wie diese Zusammenarbeit zustande kam?

CW: Bei "Gelegenheit Leben" handelte es sich um die Abschlussarbeit einer Berufsausbildungsklasse, an der u.a. Jenny Kalbitz (Prophecy Prod.) beteiligt war. Sie war auf der Suche nach geeigneten Musikern, die innerhalb kurzer Zeit einen Soundtrack komponieren könnten und hatte diesbezüglich meinen damaligen Gitarristen Philipp Jonas (Secrets of the Moon) gefragt, der wiederum die Sache an mich weiterleitete. Nachdem wir im Rahmen eines Vortreffens genauere Informationen zum Projekt erhalten hatten, komponierten wir schließlich das Stück "Nihil Arisen" und nahmen es in Marcels Dungeon-Studio auf. Generell war die Mitarbeit an diesem Projekt eine recht interessante und lehrreiche Erfahrung.

OB: Du hast im Laufe der Jahre immer wieder Probleme mit der Zensur in Form von Konzertabsagen und Anfeindungen aus dem extrem linken Lager zu kämpfen gehabt, zuletzt im Rahmen der Konzertabsage für die Leipziger "Sixtina". Wie stehst Du generell jeglicher Form von Zensur und Vorverurteilung gegenüber, und wie hat sich die Konzertabsage für Leipzig aus Deiner Sicht dargestellt?

CW: Ich lehne jegliche Form von künstlerischer Zensur und Unterdrückung aus politischen Gründen, gleich welcher Couleur (dies gilt im Übrigen auch für meine vermeintlichen "politischen Gegner"), strikt ab. Die Gründe für die Absage des Sagittarius - Konzerts in Leipzig sind undurchsichtig - kurz nach der offiziellen Ankündigung des Auftrittes wurde ein wie üblich mies recherchierter Schmähartikel über mich in einem angeblich ‚unabhängigen' politischen Medienportal publiziert, der dazu führte, dass einige überängstliche Personen aus dem Umfeld des Sixtina-Betreibers ihren Unmut und Sorge vor "antifaschistischen Übergriffen" kundtaten und die Sixtina schließlich einknickte. Des Weiteren gab es angeblich eine Bitte seitens der Stadt Leipzig an die WGT – Leitung, das Konzert abzusagen, welche wiederum diese Anfrage an den Sixtina-Betreiber weitergeleitet haben soll. Was nun hiervon letztlich stimmt oder nicht, weiß ich nicht – Fakt ist jedenfalls, dass sich der Sixtina-Besitzer (der im übrigen über meine angeblichen "Verstrickungen" bereits bei meinem Konzert vor zwei Jahren bestens informiert war!) als rückgratloser Drückeberger erwiesen hat und darüber hinaus in Sachen Konzertorganisation und -planung ein völlig inkompetenter und unkooperativer Dilettant ist. Aber dies ist eine andere Geschichte.

OB: Wie empfindest Du die Tatsache, dass Stauffenberg für seinen Widerstand gegen Hitler auch heute immer wieder noch geehrt wird, während ein Dichter wie Stefan George, zu dessen "Jüngern" ja beide Stauffenberg-Brüder gezählt werden, auch heute noch als "völkischer Dichter" verunglimpft wird?

CW: Es handelt sich hierbei um Diskussionen, die innerhalb einer Gesellschaft geführt werden, die mir fern und fremd ist, und die mich von daher nicht tangieren.

OB: Du hast in der Vergangenheit auch Konzerte für Burschenschaften gegeben, die natürlich mal wieder vor allem in der linken Szene für einigen Ärger gesorgt haben und ja ständig unter dem Generalverdacht einer politischen rechten Gesinnung stehen. Welche Verbindung hast Du zu den beiden Burschenschaften Normannia-Nibelungen (Bielefeld) und Dresdensia-Rugia (Giessen) und wie kamen diese Auftritte zustande?

CW: Um es kurz zu fassen – ich bin selbst seit langer Zeit Mitglied einer schlagenden Studentenverbindung, von daher war es für mich eine Selbstverständlichkeit, ein Konzertangebot, das im Sommer 2006 seitens der Burschenschaften Dresdensia-Rugia zu Gießen und Normannia-Nibelungen zu Bielefeld bei mir eintrudelte, anzunehmen - auch angesichts der Tatsache, daß Neofolk und die damit verbundenen Musikrichtungen in Teilen des Korporationswesens schon immer beliebt waren und rezipiert worden sind, und der "Wolfstanz" schlichtweg ein schöner musikalischer Abend geworden wäre. Konträr zu anders lautenden Vorurteilen habe ich Verbindungshäuser – bis auf wenige Ausnahmen - immer wieder als Orte des freien und streitbaren Gedankenaustausches kennen gelernt, und ich schätze viele Burschenschafter als kritische, gastfreundliche und durchaus weltoffene Zeitgenossen. Die seitens der extremen Linken im Zusammenhang mit Studentenverbindungen konstruierten Weltverschwörungstheorien sind mir relativ egal und berühren mich nicht, zumal in den meisten Fällen noch nicht einmal eine angemessene und niveauvolle Argumentation dahinter steckt, sondern ausschließlich dumpfe Anreihungen von Spekulationen, Pauschalisierungen, verzerrtem Halbwissen und Lügengeschwätz, die durch den Einsatz von Farbbeuteln, Brandsätzen und Schlagstöcken auch nicht gerade an Beweiskraft gewinnen. Im übrigen bin ich der Meinung, dass gewisse angehende Soziologen und AStA-Aktivisten vielleicht erst einmal ein wenig Zeit aufbringen sollten, Grundaspekte körperlicher Hygiene zu erlernen, anstatt ihre Zeit für verquaste und lächerliche "Antifa" -Aktionen zu verschwenden.

OB: Wo würdest Du Dich selbst politisch einordnen und wie empfindest Du die Tatsache, dass Du Dich für Dein künstlerisches Tun immer wieder rechtfertigen und erklären musst? Es scheint, dass es so massive Probleme dieser Art und der künstlerischen Ausgrenzung bestimmter Genres und Künstlern gegenüber in diesem Ausmaß nur in Deutschland gibt.

CW: Ich lehne es ab, mich in irgendeiner Form politisch einzuordnen oder zu charakterisieren – dies führt fast ausnahmslos zu engstirnigem Schubladendenken und würde mich in gewisser Weise zu einer Karikatur meiner selbst werden lassen. Des Weiteren sehe ich es als völlig unnötig an, mich zu rechtfertigen oder zu erklären – was kümmert es den Mond, wenn ihn die Hunde anbellen?

OB: Ich habe Dich erst- und leider auch letztmalig auf dem 3. VAWS-Festival auf Schloss Lüttinghof erleben dürfen. Was war Dein Eindruck von dieser Veranstaltung und welche Erinnerungen hast Du daran?

CW: Rückblickend betrachtet stand mein Konzert unter einem schlechten Stern. Aus musikalischer Sicht war ich mit meinem Auftritt auf der Wasserburg Lüttinghof nicht sonderlich zufrieden, dazu kam das Problem, dass ich anstelle des mir ursprünglich zugesagten "organischen" Klaviers aus Kostengründen mit einem E-Piano vorlieb nehmen mußte, auf das ich schlichtweg nicht vorbereitet war. Dennoch verbinde ich auch positive Erinnerungen mit diesem Wochenende, denn die Auftritte von Von Thronstahl und The Days Of The Trumpet Call waren ein Genuss, und es konnten an diesem Abend (und beim Frühstück am nächsten Morgen) freundschaftliche Kontakte geknüpft werden, die bis heute halten und auf kreativer Ebene schon mehrfach Früchte getragen haben.

OB: Planst Du, trotz all der genannten Schwierigkeiten, weitere Konzerte für die Zukunft?


CW: Sofern sich Veranstalter finden, die mit mir zusammenarbeiten können und wollen, stehe ich selbstverständlich für Konzerte zur Verfügung, allerdings bin ich aufgrund schlechter Erfahrungen in der Vergangenheit eher vorsichtig geworden. Ich habe generell die Befürchtung, dass innerhalb des deutschsprachigen Raums die Voraussetzungen für ein Sagittarius - Konzert kaum gegeben sind, denn neben einer gewissen Rückgratlosigkeit und Duckmentalität, die innerhalb der vergangenen Jahre immer wieder aufgetreten ist, spielten auch logistische und organisatorische Probleme bzw. Inkompetenz seitens der Veranstalter mehr als einmal eine maßgebliche Rolle, dass Konzerte nicht stattfinden konnten – so z.B. im Zusammenhang mit einem abgesagten Sagittarius - Konzert in Wien, bei dem der Veranstalter nicht in der Lage (oder einfach zu faul) war, ein E-Piano zu beschaffen. Ich bin aber gerne dazu bereit, mich eines besseren belehren zu lassen und hoffe auf die Möglichkeit, in naher Zukunft wieder auf einer Bühne stehen zu können. Wenn schon nicht in Deutschland, dann zumindest im Ausland, wo es sich als Künstler freier atmen lässt.

Vielen Dank für die äußert interessanten und gut gewählten Fragen – es war mir eine Freude, sie zu beantworten. "Songs From The Ivory Tower" kann über Cold Spring Records, diverse gut sortierte Vertriebe und auch über mich persönlich bezogen werden, und interessierte Leser verweise ich auf die Sagittarius - Internetseiten www.sagittarius.de und www.myspace.com/marblecliff .


Quelle: www.obliveon.de

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